Lecture Performance zu den Paradoxien des Kooperierens / Daniela Stöppel
24.7.2026, Saloon Edit H.
Lösen wir uns lieber auf, anstatt uns zu behaupten – oder behaupten wir uns lieber, bevor wir uns auflösen?
Warum lieben wir all die Ideen und Theorien von Kooperation und Symbiose?
Oder werden wir einfach nur immer skeptischer gegenüber Evolutionsmodellen, die vor allem über Konkurrenz und Selektion argumentieren?
Und warum klingt „Kollaboration“ eigentlich so verwegen?
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Lösen wir die Kunst auf? In Alltagspraxis, in Nicht-Kunst, in pure Gegenwart, in reine Relation?
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Befinden wir uns in einem postnormativen Zeitalter?
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Mit postnormativ meine ich Ansätze, die klassische binäre Unterscheidungs- und Ordnungsmuster, wie Mann/Frau, Kultur/Natur, gesund/krank, Mensch/Tier, Mensch/Maschine oder Subjekt/Objekt als normative Bewertungskriterien grundsätzlich in Frage stellen.
Anstelle dichotomischer Ordnungsparameter werden fluide Übergänge proklamiert.
Die Queer Studies beschreiben ihren Gegenstand selbst „als etwas, das sich weigert, eine konkrete Form anzunehmen“.
Entwicklungen wie Big Data oder K.I. entziehen sich bereits faktisch binären Ordnungsmustern. Auch lineare Zeit-Kategorien erscheinen angesichts dieser Entwicklungen zunehmend obsolet.
Gelten die Prinzipien des trennenden „Unterscheidens“ überhaupt noch? Oder greifen Begriffe wie Donna Haraways „naturecultures“, Bruno Latours „Parlament der Dinge“, James Lovelocks „Gaia“, Karen Barads „Dif-Fraction“ oder Lynn Margulis’ „Symbionten“ besser, um mehr auf Übergänge und Instabiliäten zu fokussieren und weniger auf Gegensätze? Wie weit hat sich die Aufhebung einer klassischen Subjekt/Objekt-Beziehung in eine gleichwertige Subjekt/Subjekt- oder Objekt/Objekt-Beziehung bereits vollzogen?
Anselm Franke meinte im Katalogvorwort der Animismus-Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt 2012, dass es in der Ausstellung um eine Überwindung des „Dichotomie-Arsenal[s] der dualistischen Metaphysik“ ginge.
Sind wir noch präsent im Präsentismus, fühlen wir uns noch?
Nun bedeutet Unterscheiden nach Kant „Kritik“, d. h. kritisches Denken ist zunächst einmal unterscheidendes Denken. Wenn nun jedoch die Kriterien für ein solches Denken zunehmend in Frage stehen, ist dann Kritikalität überhaupt noch möglich? Gibt es überhaupt noch ein gut oder schlecht, wenn der kategorische Imperativ heute heißt: „Don’t judge!“. Oder anders gesagt: Können wir das kritische Instrumentarium der Aufklärung hinter uns lassen, und dennoch kritisch bleiben? Können wir tatsächliche Diskriminierungen (diskriminieren heißt wörtlich ebenfalls „unterscheiden“) dann überhaupt noch kritisieren oder die Umwelt überhaupt noch schützen, wenn klassische Objekt-Subjekt-Beziehungen über Bord geworfen sind, wenn beispielsweise „die Umwelt“ nicht als Objekt des Schutzes gedacht werden soll oder kann, sondern als allumfassender Weltkörper, von dem auch wir selbst nur ein Bestandteil sind. Stünden dann nicht alle Institutionen, von „der“ Geschichte, über „das“ Museum“, bis hin zu „der“ „Kunst“ in ihrer Existenz als solcher unter Druck?
Der „Autor“ ist bekanntlich schon lange tot, aber auch der Status des Kunstwerkes erodiert hin zum bloßen Objekt, dass allein im Bezugsfeld einer „relationalen Ästhetik“ noch Bedeutung erlangt. Braucht die Nicht-Kunst die Kunst noch als Gegenstück wie in der Postmoderne, oder löst sie sich gerade WIRKLICH auf?
Kuratieren, Kümmern, Care
Das Wort Kurator ist seit den 1990er Jahren ein geläufiger Begriff im deutschen Sprachgebrauch, ebenso wie das davon abgeleitete Verb „kuratieren“, das meint, eine Ausstellung zu konzipieren und organisatorisch durchzuführen. Etabliert wurde die Bezeichnung in den 1970er Jahren im Kontext der zeitgenössischen Kunst, die den Begriff aus dem US-Amerikanischen, wo er ab den 1950er Jahren verwendet wurde, übernahm. Im Englischen meinte „curator“ ursprünglich den festangestellten Museumskonservator, und nicht den – meist freiberuflich tätigen – Ausstellungsorganisator. Ursprünglich kommt das Wort „Kurator“ aus dem Lateinischen, wo es sich vom Verb „curare – kümmern um, sorgen für, Sorge tragen für etwas, sich sorgen um“ ableitet.
Prekäre Einkommensverhältnisse, Profilierungsdruck, Delegierungszwang sowie starke Belastung mit Organisatorischem, oft Zeit- und Budgetknappheit und sicherlich auch gelegentliche Überforderung kennzeichnen nicht nur das Kuratorische, sondern auch die so genannten Care-Tätigkeiten. In beiden Feldern kennt man Situationen von Überlastung und Überanstrengung, die nicht trennscharf von Enthusiasmus, Verausgabung und Liebe abzugrenzen sind.
Der Grundkonflikt liegt hier in der Frage, ob alle Aspekte der menschlichen Existenz gerecht aufgeteilt werden sollten oder ob es Bereiche gibt, die diesem Denken nicht unterliegen (sollen). Historisch findet sich diese Unterscheidung bereits im Antagonismus von Sozialismus und Kommunismus wieder, wenn beispielsweise der Sozialutopist Charles Fourier die absolut gleiche Verteilung aller Arbeit, sowie aller (auch sexuellen) Vergnügungen, auf beide Geschlechter forderte, während andererseits seine Zeitgenossen Robert Owen oder Pierre-Joseph Proudhon Ehe und Familie als eine Art „urkommunistischen“ Bereich davon ausnahmen. Auch der Anthropologe David Graeber hielt, unter anderen in seinem Buch Schulden: Die ersten 5000 Jahre, an einem kommunistischen Grundmodell fest, das nicht auf dem Grundsatz eines sozialistischen Quid-pro-Quo beruht, sondern auf dem Prinzip gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, das nicht mit Geld oder einer anderen Gegenleistung abgegolten werden muss. Dies führt uns unmittelbar zum Dilemma der Care- und Kümmerarbeit: Sie ist idealerweise selbstlos, aber dann nicht gerecht. Oder, aus der anderen Perspektive, sie wäre idealerweise gerecht aufgeteilt, ist dann aber nicht mehr selbst- und interesselos.
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Nichts kann unverwandelt gerettet werden, nichts, das nicht das Tor seines Todes durchschritten hätte.1
Pflegen ist, anders als „Schützen“, nicht mit einer klaren Subjekt-Objekt-Beziehung verknüpft (etwas wird geschützt, und damit auch „arretiert“, stillgestellt oder „getötet“), sondern beruht auf einer reziproken und damit dynamischen Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegten: So kann ein Gärtner den Garten nicht vor allen Widrigkeiten schützen, aber er kann die Pflanzen so pflegen, so dass sie sich selbst schützen können. Das Wort Kultur entstammt ebenfalls der Begriffswelt des Pflegerischen: „colere – colui – cultus“ bedeutet „bebauen, bestellen, kultivieren, sorgen für, pflegen“, aber auch „bewohnen“.
„Etwas lebendig halten“, würde bedeuten, in einen reziproken Prozess einzutreten, und nicht nur, eine leere Hülle, die „das Tor ihres Todes“ bereits durchschritten hat, mit etwas anderem zu füllen.
Um etwas zu schützen, ist keine Kooperation mit dem zu schützenden Objekt notwendig, sondern Schutz wird in der Regel oktroyiert. Die ‚Natur‘ beispielsweise wird unter Schutz gestellt, ohne dass man dafür ihr Einverständnis benötigen würde. Pflege hingegen ist ohne Kooperation mit dem zu Pflegenden nicht gut möglich.
Um kooperieren zu können, ist es wichtig, das Gegenüber in seiner Integrität anzuerkennen und verstehen zu lernen. Denn es ist nicht möglich, in der Pflege gegen das zu Pflegende zu arbeiten, sondern nur mit ihm.
Pflege kann kein Projekt sein.
Als Glasbläser kann ich nicht gegen das Glas arbeiten, als Gärtner nicht gegen die anzubauenden Pflanzen. Kooperation bedeutet, ein Verständnis für die Eigenständigkeit des Gegenübers aufzubringen.
Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Worte ‚schwellen‘…2
Der griechische Begriff oikos meint Kooperation zwischen Mensch und Umwelt, womit ausdrücklich auch die gegenständlich-dingliche Umwelt, also die Kultur, nicht nur die Natur, gemeint ist.
Ökonomie kommt von oikos.
Das Private, der Haushalt, steht, wie Hannah Arendt gezeigt hat, seit der Antike nicht nur in Opposition zum öffentlichen Leben – sondern ist als oikos feminin konnotiert, während die polis, der Stadtraum, der männlichen Sphäre zugeordnet wird. Das (reproduktive) ökonomische Wirtschaften war (und ist) dem (produktiven) politischen Gestalten untergeordnet, was die Unsichtbarmachung von häuslich gebundener Arbeit im Gegensatz zur Wertschätzung öffentlichen Wirkens zur Folge hatte. Mit der Sichtbarmachung von unbemerkt stattfindender Care-und Sorgearbeit, wie es sich der Großteil der aktuellen feministischen Bewegungen zum Ziel gesetzt hat, wird versucht, diese über Jahrtausende bestehende Ungleichheit zu korrigieren.
Ein selbstorganisierter (Kunst-)Raum ist mit ähnlichen Grundproblemen permanent konfrontiert: Wer kümmert sich um was? Wie wird Arbeit (zwischen den Geschlechtern) aufgeteilt? Will man diese Arbeit anders konnotieren, umwerten, neu denken oder leben? Wie kann daraus eine nach Außen, also eine öffentlich wahrgenommene transformative Praxis werden und wie verschiebt wiederum das Ins-Öffentliche-Wenden der ökonomischen Arbeit das Private selbst und wird damit politisch?
Viele kollaborativ organisierte Projekte positionieren ihre Arbeitsmodelle derzeit bewusst in symbiotisch-reziprok gedachten Zusammenhängen, in denen idealiter keine hierarchische Arbeitsaufteilung besteht, sondern sich – gleichsam in einem permanenten Osmoseprozess – Aufgabenverteilungen fließend und selbsttätig eher ergeben, als dass sie bestimmt werden. Top-Down-Logiken werden als autoritär aufgegeben, zugunsten von gewaltloser erscheinenden Strömungs- und Kooperationsmodellen.
Mit solchen Flow-Konzepten gerät man jedoch nicht selten in Widerspruch zu den bereits beschriebenen Forderungen nach fairer Entlohnung von nicht sichtbarer Arbeit: Denn Gerechtigkeit ist ohne Kontrolle nicht zu haben.
Bestenfalls findet man zu Formen eines „Dritten“, das zwischen den Systemen vermittelt, ausgleicht oder übersetzt. Der Aushandlungsprozess selbst gewinnt an Bedeutung und kann etwas sichtbar machen, das sonst im Dunkeln bleiben würde.
Helmut Draxler hat einen Essayband übertitelt mit „Was tun, was lassen“. – Lassen. Es so lassen. Loslassen. Es sein lassen. Es gleich sein lassen. Es lassen.
All things must pass…?
Sind wir „zur Welt“ oder ist die Welt zu uns ausgerichtet? Wie kommunizieren wir mit dieser Welt? Wohl vor allem nonverbal. Wie kommunizieren wir mit Objekten? Wie kommunizieren wir untereinander? Auch nonverbal? Unterliegt diese Kommunikation bestimmten Wertmaßstäben oder ist sie „postnormativ“ oder „postnormativer“? Was ist eine Kausalkette reziprok gedacht? Wohl keine Rasselbahn…
Liegt im Einüben postnormativer Praktiken auch eine Einübung utopischer Gleichheit?
Was ist das, ein KISSEN zu beziehen? Eine Interaktion mit einem Kunstwerk, wie bei Lissitzky, oder eine Alltagshandlung?
Was hat die Form damit zu tun? Was die Leere, und was die Verdichtung?
An wann verliert man sich in der Offenheit der Form, spüren wir uns noch?









